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Die Reynolds-Zahl (Re) eines strömenden Fluids oder eines Gases ist eine dimensionslose Kennzahl, die von Ingenieur*innen verwendet wird, um Strömungsmuster in unterschiedlichen Situationen vorherzusagen. Sie beschreibt das Verhältnis von Trägheitskräften zu viskosen Kräften. Dieses Verhältnis zeigt an, ob sich eine Flüssigkeit oder ein Gas entlang geordneter Stromlinien bewegt (laminare Strömung) oder ob instationäre Schwankungen um diese mittlere Strömung auftreten (turbulente Strömung).
Das chaotische Verhalten bei turbulenter Strömung entsteht, wenn der Widerstand gegen Geschwindigkeitsänderungen (Trägheitskräfte) die Kräfte übersteigt, die die Relativbewegung zwischen den einzelnen Schichten des Fluids sowie zwischen Fluid und festen Begrenzungen hemmen (viskose Kräfte).
Eine hohe Reynolds-Zahl weist auf Strömungen hin, bei denen Trägheitskräfte dominieren und sich turbulente Strömung ausbildet. Eine niedrige Reynolds-Zahl hingegen steht für Strömungen, bei denen viskose Kräfte überwiegen und die eine gleichmäßige, schichtartige laminare Strömung zeigen.
Aus praktischer Sicht ist die Reynolds-Zahl eine grundlegende dimensionslose Kennzahl in der Strömungsmechanik. Sie reduziert effektiv die Anzahl der zu berücksichtigenden Variablen und ermöglicht aussagekräftige Korrelationen physikalischer Phänomene in skalierbaren Systemen. Ingenieur*innen und Wissenschaftler*innen können anhand der berechneten Reynolds-Zahl vorhersagen, ob und wo ein Strömungsfeld von laminarer zu turbulenter Strömung übergeht. Dadurch lässt sich entscheiden, welche Gleichungen für die Simulation verschiedener Strömungstypen anzuwenden sind, und Strömungsfelder können über unterschiedliche Anwendungen und Maßstäbe hinweg verglichen werden.
Ob beim Entwurf eines Tragflügels oder bei der Modellierung komplexer Strömungsvorgänge in industriellen Systemen: Strömungsmechaniker*innen beginnen ihre Analyse typischerweise mit der Berechnung der Reynolds-Zahl für die untersuchten Strömungssituationen.
Das Konzept, anhand des Verhältnisses von Trägheits- zu viskosen Kräften zu bestimmen, wann sich turbulente Strömung entwickeln kann, wurde 1851 von George Stokes eingeführt – im Zuge der Arbeiten, die zur Entwicklung der Navier-Stokes-Gleichungen führten. Eine praktische Anwendung dieses Konzepts entstand jedoch erst, als Osborne Reynolds begann, die Entstehung turbulenter Strömung in Rohren zu untersuchen. 1883 veröffentlichte er eine Arbeit mit dem Titel "An Experimental Investigation of the Circumstances Which Determine Whether the Motion of Water Shall Be Direct or Sinuous, and of the Law of Resistance in Parallel Channels."
In den Experimenten wurde ein Farbstoffstrom in die Mitte eines klaren Glasrohrs eingebracht, durch das Wasser strömte. Reynolds variierte die Strömung mithilfe eines Regelventils. Bei niedriger Geschwindigkeit blieb der Farbstoff als zusammenhängender Strang in der Mitte. Als die Geschwindigkeit jedoch zunahm, brach die Farbschicht auf und breitete sich in das Wasser aus. In der Veröffentlichung wurde der Punkt, an dem diese Durchmischung einsetzt, als Übergangspunkt definiert.
Eine Zeichnung der Testvorrichtung, die Osborne Reynolds in seiner Arbeit von 1883 verwendete
Bei der Auswertung der Daten leitete Reynolds eine dimensionslose Kennzahl ab, mit der sich der Übergang von laminarer zu turbulenter Strömung in Abhängigkeit von Fluiddichte, Rohrdurchmesser, Strömungsgeschwindigkeit und dynamischer Viskosität vorhersagen lässt. Reynolds benannte diese dimensionslose Zahl nicht nach sich selbst. Dies geschah 1908, als Arnold Sommerfeld den Wert in einer Arbeit verwendete und ihn nach Reynolds benannte.
Die grundlegende Gleichung der Reynolds-Zahl beschreibt das Verhältnis von Trägheitskräften zu viskosen Kräften. Ingenieur*innen haben verschiedene Formen entwickelt, je nach Anwendung. Jede Anwendung verfügt über eine charakteristische Längenskala, die eine Strecke wie etwa einen Durchmesser oder eine Länge definiert, sowie über eine charakteristische Geschwindigkeit, die die Strömung in Form von Strömungsgeschwindigkeit, Massenstrom oder Volumenstrom beschreibt.
Im Folgenden sind die gebräuchlichsten Formen der Reynolds-Zahl aufgeführt:
$$R_e = \frac{Trägheitskraft}{viskose Kraft} $$
$$R_e (dynamische Viskosität) = \frac{\rho uD_h}{\mu} $$
$$R_e (kinematische Viskosität) = \frac{uD_h}{\nu} $$
$$ R_e (Volumenstrom)= \frac{\rho QD_h}{\mu A} $$
$$ R_e (Massenstrom) = \frac{WD_h}{\mu A} $$
$$ R_e (Tragflügel) = \frac{VL_c}{\nu}$$
$$ R_e (ebene Platte) = \frac{Vx}{\nu}$$
Dabei gilt (im MKS-System):
Fluidkennwerte
| ⍴ | Dichte des Fluids (kg/m3) |
| Dynamische Viskosität des Fluids (kg/m·s) | |
| $$ {\nu}$$ | Kinematische Viskosität des Fluids, (m2/s) |
Charakteristische Geschwindigkeit
| u | Mittlere Geschwindigkeit des Fluids (m/s) |
| Q | Volumenstrom des Fluids (m3/s) |
| W | Massendurchfluss des Fluids (kg/s) |
| V | Geschwindigkeit eines Profils durch das Fluid (m/s) |
Charakteristische Längenskala
| Dh | Hydraulikdurchmesser eines Rohrs, einer Röhre oder eines Kanals (m) |
| A | Querschnittsfläche des Rohrs (m2) |
| Lc | Profiltiefe eines Tragflügels (m) |
| x | Länge von der Vorderkante der Platte (m) |
Alle, die sich mit Strömungsmechanik beschäftigen oder sie anwenden, möchten die Strömungsmuster in dem System verstehen, mit dem sie arbeiten. Manchmal ist laminare Strömung erwünscht, manchmal turbulente Strömung. Daher ist es wichtig, die Strömungsbedingungen zu verstehen, unter denen die Fluidbewegung turbulent wird.
Für die Strömung in einem kreisförmigen Rohr, bei dem der Durchmesser die charakteristische Längenskala darstellt, tritt laminare Strömung auf, wenn Re kleiner als 2.300 ist, und turbulente Strömung entwickelt sich bei Re größer als 2.900. Hier zeigt sich, dass eine niedrige Reynolds-Zahl darauf hinweist, dass viskose Kräfte die Strömung stabilisieren und sie entlang von Stromlinien führen. Dieser untere Grenzwert von 2.300 für Rohrströmungen wird als kritische Reynolds-Zahl bezeichnet, da er den Punkt markiert, an dem die Strömung vom laminaren in den turbulenten Zustand übergeht.
Illustrationen aus der Originalarbeit von Reynolds, die (von oben nach unten) laminare Strömung bei niedriger Geschwindigkeit, Durchmischung bei höherer Geschwindigkeit sowie durch einen elektrischen Funken sichtbar gemachte Wirbel zeigen.
Bei der Strömung über eine ebene Platte ist die charakteristische Längenskala der Abstand von der stromaufwärts gelegenen Kante (Vorderkante) der Platte. Die Geschwindigkeit ist die Freiströmungsgeschwindigkeit weit außerhalb der Grenzschicht. Mit dieser Definition liegt die kritische Reynolds-Zahl, bei der die Strömung über einer ebenen Platte turbulent wird, typischerweise bei 5 x 105.
In der Vergangenheit bestimmten Strömungsmechaniker*innen die Werte für die kritische Reynolds-Zahl, die zur Beschreibung einer vollständig ausgebildeten turbulenten Strömung verwendet werden, experimentell für jede Anwendung, jeden Fluidtyp und jede Geometrie-Topologie. Diese Werte wurden anschließend genutzt, um vorherzusagen, wo Turbulenz auftritt, und um gezielt Anpassungen vorzunehmen, die diese Strömungsform fördern oder unterdrücken. Heutzutage verwenden Ingenieur*innen, die numerische Strömungsmechanik (CFD) einsetzen, gelegentlich die Reynolds-Zahl, um zu entscheiden, welche Turbulenzmodelle verwendet werden und wo diese anzuwenden sind.
Reynolds-Zahlen sind stark kontextabhängig und basieren auf vereinfachten Strömungsdarstellungen. Im Folgenden finden Sie eine Liste der häufigsten Fehler, die Ingenieur*innen bei der Verwendung von Re machen:
Das Verhältnis von Trägheitskräften zu viskosen Kräften, das durch die Reynolds-Zahl dargestellt wird, hat weitere Anwendungen, die Ingenieur*innen zur Berechnung verschiedener Größen und zur Auslegung ihrer Konstruktionen nutzen. Einige der häufigsten sind:
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